Sakir Gökcebag

DER GOLDENE SCHNITT

Sakir Gökcebag gewinnt seine Bilder aus den Formen und Materialien ganz gewöhnlicher Gegenstände, die sich in jedem Haushalt finden. Doch schon die erste Begegnung mit seinen Objekten, Fotografien und Installationen lässt die eigentliche Funktion dieser Gegenstände fast vollständig vergessen. Dort zeigen sich ganz neue, meist zweckfreie Verwendungen und Ordnungen, und beinahe könnte man den Eindruck gewinnen, es seien die Dinge selbst, die sich von den Fesseln des Funktionalen befreien und sich stattdessen einer reinen Formfreude hingeben.

Sakir Gökcebag wurde in der Türkei geboren, studierte dort und lebt seit 16 Jahren in Hamburg. Auf den ersten Blick sind seine oft überraschenden Arrangements von Alltagsdingen dem Ornament verpflichtet, und manchmal finden sogar Materialien bei ihm Verwendung, die aus westlicher Sicht 'orientalisch' wirken, zum Beispiel rote Linsen oder Orientteppiche. Lässt man sich aber auf seine augenzwinkernde Haltung ein, dann finden sich daneben auch ausgesprochen 'deutsche' Klischees, etwa von überzogener Ordnungsliebe, deren Ergebnis zum Glück regelmäßig in einer freundlichen Anarchie im Verhältnis zwischen Form und Funktion mündet.

Trotz aller ästhetischer Qualitäten, die Gebrauchsgegenstände heute haben mögen, ist die Funktionalität nach wie vor ein wesentlicher Schlüssel zu ihrem Verständnis. Zu sehr haben wir das Mantra der industriellen Moderne verinnerlicht, dass die Form der Funktion folgt. Eine solche Eindimensionalität der Wahrnehmung und des Gebrauchs zu hinterfragen, ist ein wesentliches Element in Sakir Gökcebags Werk. Doch er formuliert solche Fragen keineswegs kritisch oder verneinend, sondern vielmehr mit einer ungeheuren spielerischen Lust an überraschenden Verwandlungen. Von den bestehenden Formen inspiriert, erfindet er ganz neue, meist zweckfreie Verwendungen und Ordnungen. Schwarze Gummistiefel werden durch einen einzigen langen Schnitt zu flexiblen Spiralen. Kleiderbügel dienen als Zeichenelement, aus dem architektonische Bilder entstehen, oder Zeiger von Uhren vergessen scheinbar ihre Pflicht zur korrekten Zeitangabe und markieren stattdessen geometrische Figuren.

Dennoch gibt es so etwas wie ein unausgesprochenes Regelwerk, das all diese freien Formenspiele verbindet. Soweit industrielle Artefakte verwendet werden, wohnt diesen von vorneherein eine technische Struktur inne. Die Formen und Bilder, die der Künstler daraus entwickelt, folgen mit einer ebensolchen Regelmäßigkeit der Idee der Geometrie. Darin lässt sich eine Auseinandersetzung mit einer zweiten ästhetischen Grundhaltung der Moderne erkennen, dem Zweifel am Ornament. In der bildenden Kunst hatte das Ornament lange Zeit eher eine Nebenrolle zu spielen. In der Gestaltung und vor allem in der Architektur verkörperte es dagegen auf poetische Weise die Idee des Objektes sowie den kulturellen Code aus dem es stammte. Natürlich liegt der Geist der Formen auch heute noch jenseits des rationalen Gebrauchs. Man muss sich nur die (künstlerische) Freiheit nehmen, die eigene Kultur und ihre Produkte neu anzusehen. So zeigt sich die Kunst von Sakir Gökcebag vor allem als eine heitere und hintergründige Poesie der Wirklichkeit.

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