WUCHERUNGEN UND WANDNAHMEN


16. September bis 29. Oktober 2006


Im Medium der Zeichnung liegt per se eine Beschränkung: Nicht nur dass sie wie die Malerei zweidimensional angelegt ist, sie präferiert auch die Linie gegenüber der Fläche und konzentriert sich meist sogar auf eine eingeschränkte Farbpalette. Hinsichtlich der Größe sind der Zeichnung allerdings erst einmal keine Grenzen gesetzt und gerade eine jüngere Künstlergeneration verlässt gegenwärtig mit Lust und Energie oft das beschränkende Papiermaß und erobert sich ganze Wände und Räume.

Dabei muss nicht ausschließlich direkt auf der Wand gearbeitet werden, oftmals auch sind es ausufernde und raumgreifende Collagen aus Wandzeichnungen, Arbeiten auf Papier, Folien und diversen anderen Materialien. Zwischen narrativen Motiven und dem Graffiti entlehnten Äußerungen, zwischen ornamentalen Befragungen der Zeichenwelt und analytisch sezierenden Auseinandersetzungen mit Architektur und Raum bewegt sich dabei die vom Linearen ausgehende künstlerische Arbeit. Dem wuchernden Prinzip des versponnenen All-overs steht die schattenrissartige Schärfe eines bisweilen flirrenden Schwarzweißkontrastes gegenüber.

Für ein solches raum- und architekturbezogenes Ausstellungsprojekt eignet sich die Städtische Galerie Nordhorn in besonderem Maße. Als Raum-im-Raum-Situation bieten sich die beiden Ausstellungspavillons mit variabler Innenarchitektur sowohl als neutrale Arbeitsflächen an als auch als Raumkörper, deren Konstruktion und Positionierung innen wie außen direkt in die jeweilige künstlerische Arbeit mit einbezogen wird.

"Wucherungen und Wandnahmen" ist daher vor allem auch ein Experiment mit der Wahrnehmung, das voller Überraschungen und neuer Wendungen für die Besucher ist. Mit Hannes Kater (*1965), Ubbo Kügler (*1964), Jan Manèuška (*1972), Nik Nowak (*1981), Gunter Reski (*1963), Christine Rusche (*1971), Christian Schwarzwald (*1971) und Fairy von Lilienfeld (*1978) wurden acht international tätige Künstlerinnen und Künstler eingeladen, um mit großformatigen, eigens für die Ausstellung entwickelten Arbeiten die beiden Ausstellungspavillons in Besitz zu nehmen. Zwischen eigenwilligen, komplex erzählerischen Bilderwelten, die sich vielfältig verzweigend über die Wände ausbreiten, spektakulären Raumeroberungen, die das architektonische Gefüge optisch ins Wanken bringen, und plakativ ironischen Brechungen popkultureller Zeichen repräsentieren die eingeladenen TeilnehmerInnen ein weites Spektrum zeichnerischer Auseinandersetzung.

Zugleich wird das Zeichnen selbst als künstlerische Technik neu beleuchtet und weit über die Beschränkungen einer Bleistiftarbeit auf Papier hinausgeführt. Die Ausstellung ist damit nicht nur eine Präsentation aktueller künstlerischer Ansätze der zeichnerischen Auseinandersetzung mit räumlichen Gefügen, sondern auch ein Projekt, das die Situation des Ausstellens und die örtlichen Gegebenheiten der Präsentation selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt.

Ein reich bebilderter Katalog erscheint zum Ausstellungsende.