MAIER NEUSTADT

Auf die Bühne


22. April bis 11. Juni 2006


Parallel zur historischen Ausstellung "Textilstadt im Wirtschaftswunderland", die das Stadtmuseum Povelturm in der Alten Weberei präsentiert, hat Hermann Maier Neustadt für die Städtische Galerie Nordhorn ein komplexes Skulpturprojekt erarbeitet.

Ausgangspunkt für seine Raumskulptur waren vor allem bestimmte Themen, die die 50er Jahre in Deutschland maßgeblich prägten. Die in vielen Ereignissen und Entscheidungen dieser Dekade deutlich werdende Faszinationskraft des jüngst entdeckten Atoms, seines großen Energiepotentials sowie seiner physikalischen und chemischen Eigenschaften fand auch in der Baukunst 1958 ihren Höhepunkt: Das "Atomium" zur Weltausstellung, Brüssels heutiges Wahrzeichen.

Doch die Verbindung der Atomenergie mit militärischen Fragen ist in diesen Jahren ebenfalls nicht zu übersehen. Darüber hinaus inspiriert das weitere Vordringen in die Mikrostruktur der Welt, die Entdeckung der Elemente und ihrer Baupläne auch das architektonische, konstruktive Denken – Wissenschaftler, Philosophen oder Architekten beschäftigen sich mit den neu auftauchenden Grundsatzfragen. So entwickelte Richard Buckminster Fuller in der 50er Jahren auch seine kugelförmigen "geodätischen Kuppeln", die Maier Neustadts Projekt ebenfalls aufgreift.

Für den großen Ausstellungspavillon der Städtischen Galerie Nordhorn entwickelte der in München lebende Künstler eine aufwändige Installation aus Kuppelräumen und Verbindungsgängen, die sich formal auf diese Fragen bezieht und den Eindruck vermittelt, als wüchsen drei Kugeln des Brüsseler Atomiums aus dem Boden des Ausstellungsraumes heraus. Alles ist mit einfachen Mitteln und Materialien gebaut, es wirkt mehr wie in einer Werkstatt, wie in einem Atelier für konstruktive Experimente als wie in einem ordentlichen Architekturbüro.

Zugleich verwendet Maier Neustadt die für seine Arbeiten oft typischen Materialien: Pressspanplatten oder transparentes gelbes oder weißes Polyester, die er mit verschiedenen Bild-, Ton- und Textdokumenten sowie mit aktuellen medialen Mitteln kombiniert, seien es eine Diaschau mit Nordhorner Stoffmustern oder der von einem Videobeamer auf die Galeriewände projizierte Dokumentarfilm von Atombombenexplosionen in der Wüste von Nevada.

Hermann Maier Neustadt (der im Übrigen konsequent weitere Angaben zu seiner Person verweigert) hebt mit seinen präzisen Installationen aus klaren, elementaren Formen mit einfachen Mitteln die Grenze zwischen Architektur, Dokumentation und bildender Kunst auf. Ausgangspunkt seiner Projekte sind die baulichen und historischen Vorgaben der vorgefundenen Räume, die er in ein dichtes Netz von Informationen, Bildern und Bezügen einbindet. Individuelle Erfahrungen, optische Erlebnisse, geschichtliches Wissen und räumliche Strukturen verdichten sich bei ihm zu einem anregenden und vielfältigen Ganzen.

Die Nordhorner Ausstellung ist auch Teil eines internationalen Projekts von Maier Neustadt, das unter dem gemeinsamen Titel "Auf die Bühne" im Oktober 2005 in Waregem (Belgien) begann und nach der hiesigen Station in Gent und Tokio/Osaka seine Fortsetzung mit neuen Schwerpunkten findet.

Die Installation für die Städtische Galerie wird von einem gemeinsamen Katalog sowie einem eigenen Beiheft mit deutschen Texten und einer umfangreichen Fotodokumentation des Nordhorn-Projekts begleitet.