MARTIN WALDE: DER REGEN HAT EINE ANGENEHME TEMPERATUR

15. März bis 27. April 2003


In den Arbeiten von Martin Walde, der 1957 im österreichischen Innsbruck geboren wurde, sind die Dinge auf den ersten Blick allein das, was sie sind: Sie verweisen auf nichts, sind weder Symbole noch unveränderliche künstlerische Behauptungen. Sie ruhen einfach in der ihnen eigenen Poesie aus Suggestionskraft und steter Veränderung. Es gibt keine Anweisungen für den Umgang mit ihnen, jedes Mal muß der Besucher oder auch die Museumsleitung selbst entscheiden, welche Vorgaben und welche Reaktionen angemessen oder vertretbar sind. Damit besitzen seine Objekte keinen klar bestimmten Ist-Zustand, denn ihr veränderliches Schicksal zwischen Publikumsverhalten und Museumsregeln ist Teil des Konzepts.

Obgleich Martin Walde neben seiner Teilnahme an der Kasseler "documenta X" zu zahlreichen wichtigen Ausstellungsprojekten eingeladen war (u. a. "Transformal" in der Wiener Secession 1996, "Biennale of Montreal" 1998 oder "Zeitwenden" im Bonner Kunstmuseum und in Wien 1999) stand noch immer eine größere Einzelpräsentation in Deutschland aus. Gemeinsam mit dem Künstler entsteht nun für die Städtische Galerie Nordhorn eine Ausstellung, die einen repräsentativen Überblick über seine Projekte der letzten zehn Jahre mit Zeichnungen, Objekten und Videos gibt und auch neue installative Arbeiten umfaßt.

Martin Walde interessiert sich in seinem äußerst vielgestaltigen Werk vorrangig für Phänomene, die sich dem theoretischen Zugriff eher entziehen, die mit dem Unerwarteten und dem Unkalkulierbaren spielen, aber auch mit dem Übersehenen oder für unwichtig Erklärten. Zugleich ist er ein Finder und Erfinder von Formen. Er stattet alltägliche Materialien mit neuer Faszination aus und setzt ganz auf die Verführungskraft des Eigenartigen: Seine Objekte sind Verlockungen, fordern geradezu heraus, sie zu berühren, zu verformen, in Unordnung oder Ordnung zu bringen. So mußte man 1997 in Kassel für seine "Handmates", die auch in Nordhorn noch einmal zu sehen sind, an belebten Ausstellungstagen sogar Schlange stehen: seltsame zitronengroße Objekte, die sortiert nach ihren eigenartigen Farben in kleinen Häufchen auf einem Tisch liegen und in der Hand mit gallertartiger Füllung und festem Kern ein ungewöhnliches Tasterlebnis vermitteln.

Projekte wie "Tie or Untie" wiederum werden zu Tagebüchern ihrer Ausstellungsstationen: eine unübersehbare Menge unterschiedlichster Seile, die verworren und verknotet zu einem beeindruckenden Berg im Raum aufgeschichtet sind. Es gibt kein "Bitte nicht berühren", sondern jeder kann an diesem Netz mitknüpfen – ob man die Enden nun kunstvoll weiter miteinander verknotet oder versucht, sie wieder zu entwirren, oder ob man sie einfach nur so zusammenzieht, daß man sich bequem in ihnen zur Ruhe setzen kann, all das bleibt allein der Entscheidung des Einzelnen überlassen.

Die Arbeit "Sleeping Beauty" stellt da an den Besucher schon etwas höhere Anforderungen in der Einschätzung seiner Möglichkeiten: Wie zu einer Art Dornbusch um das DornröschenSchloß türmt sich ein großes Gewirr aus weichem Aluminiumdraht auf, bestückt mit feinen violetten Wachsblüten. In der Mitte hängt verlockend ein Handy, das bisweilen sogar klingelt – aber lohnt es sich wirklich, dieses wunderschöne und fragile Gebilde zu zerstören, nur um ans Telefon zu gehen? Waldes Skulpturen kreisen um die menschlichen Sinne und die Wahrnehmung der Alltagswelt. Sie beschäftigen sich aber auch mit Macht und Autorität, mit Hierarchien und Konventionen, und sie thematisieren zugleich die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Kunstwerk, Museum und Publikum. Sie wollen berühren und manchmal berührt werden. Und so entdeckt man auf den zweiten Blick, daß man sich hier unerwartet auf ganz neue Spuren begeben hat, daß man auch einem großen Geschichtenerzähler folgt, der mit seinen Arbeiten den Besucher wie Alice im Wunderland immer wieder in Erstaunen versetzen kann.