PLASTIK, PLÜSCH & POLITIK – REFLEXE DER 70ER JAHRE IN DER GEGENWARTSKUNST


22. November 2003 bis 27. Januar 2004


Kommen die 70er Jahre zurück? Oder sind wir schon bei den 80ern? Vielleicht interessiert uns auch der Retro-Schick der alten DDR? Die Popkultur hat das Aufgreifen und Weiterverarbeiten früherer Moden und Stile mittlerweile zu einem wichtigen Prinzip gemacht, um neue Trends zu setzen. Was ist von solchen Rückwärtsbewegungen zu halten? Schließlich besitzt gerade in Zeiten der Umbrüche eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Entwicklung neuer Perspektiven.

Auffällig ist, dass auch in der aktuellen Kunst eine neue Beschäftigung mit Phänomenen der 70er Jahre begonnen hat. Es sind vor allem jüngere Künstler, solche, die an diese Zeit bloß Kindheitserinnerungen haben und sich heute mit neuem Blick auf diese Dekade beziehen. Aufgegriffen werden sowohl gesellschaftliche und politische Themen als auch Formen, Farben, Oberflächen und Materialien, die nun in neue Zusammenhänge gebracht werden. Was können uns die 70er Jahre heute sagen? Welche Einsichten lassen sich aus dem Erbe von Deutschem Herbst und Flower Power gewinnen?

Der Norweger Børre Sæthre entwickelt meist raumgreifende, in frei erfundenem 70er-Jahre-Stil gehaltene Installationen. Sein Beitrag "Disco Lights" (2003) ist ein krakenhaft wucherndes Arrangement aus rhythmisch programmierten Lichtelementen. Die Installationen der New Yorker Künstlerin Carol Bove hingegen greifen die US-amerikanische Geschichte und Kunst jenes Jahrzehnts auf. Sie selbst bezeichnete sich einmal humorvoll als "Archäologin der Hippiekultur". Und die Österreicherin Ulrike Lienbacher erforscht mit Fotografie, Zeichnung und anhand von Objekten zeittypische Inszenierungen des menschlichen Körpers. In Nordhorn ist u. a. die Fotoreihe "Pin-Up-Übungen" (2001) zu sehen.

Mit den Mitteln von Malerei und Zeichnung arbeitet Johannes Kahrs am kritischen Bildbewusstsein. Er isoliert einzelne Bilder aus der Medienflut und schafft malerische Filmstills – Bilder, die man kennt, aber so noch nie gesehen hat. Von der Fahrzeugtechnik über die Weltraumforschung bis zur Entwicklungsbiologie verknüpft der Kölner Jürgen Stollhans die unterschiedlichsten Sachgebiete in komplexen Installationen. Eine irritierende Näherung von Fakten und Fiktionen, bei der beides leicht verwechselt werden kann.

Gerdine Frenck betreibt mit Foto- und Videoarbeiten eine Recherche nach Klischees der starfixierten Medien- und Glamourwelt. In Nordhorn zeigt sie u. a. die zweiteilige Videoarbeit "RAF" (2001/02), eine großformatige Doppelprojektion dokumentarischer Fernsehbilder neben einer 3D-Animation des Stammheimgebäudes. Auch SUSI POP, bekannt für ihre scharfe Ironie, wagt sich an den Zusammenhang von RAF und Medienrealität heran. Gerhard Richters legendären, auf Polizeifotos basierenden Gemäldezyklus zur Baader-Meinhof-Thematik ("18.Oktober 1977" von 1986) hat sie frech im farbigen Siebdruck reproduziert. In Nordhorn ist erstmals auch die Installation "Suicide Girl" (2003) zu sehen. Andree Korpys und Markus Löffler richten mit "Digging Deep" (1998) hingegen einen eher ungewöhnlichen Blick auf das Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim: In ihrem Video porträtieren und befragen sie Nutzer einer angrenzenden Schrebergarten-Kolonie.

In Anlehnung an asiatische "Floating Markets" präsentiert Surasi Kusolwong aus Thailand am Eröffnungsabend mit einer Performance seinen Marktplatz. Für den Rest der Ausstellung werden dann Fotos, ein Video und ein eigenes neues Arrangement dieses Marktplatzes seinen Blick auf den plastikbunten Warenaustausch fernöstlicher Produktion repräsentieren. Auch Tobias Rehberger arbeitet mit Designformen der 70er Jahre. Für die Städtische Galerie Nordhorn wird er eine eigene Lichtinstallationen schaffen, die über die aktuelle Ausstellung hinaus in Nordhorn verbleiben wird: Ein raumgestaltender Eingriff, der über Formgebung, Lichtdramaturgie und atmosphärische Veränderungen seine ästhetische Kraft entfaltet.